«Die Stadt hat zu lange nichts getan – nun wird sie gejagt»

«Die Stadt hat zu lange nichts getan – nun wird sie gejagt»

Aus dem Tages-Anzeiger vom 01.12.17

Gesundheitsökonom Matthias Maurer sagt, dass das Triemli- und das Waidspital frühestens in fünf Jahren wieder schwarze Zahlen schreiben würden.

Mit Matthias Maurer sprach Ev Manz

Wie lautet das Patentrezept, Spitäler wieder auf Kurs zu bringen?

Wüsste ich das, würde ich wohl nicht an einer Fachhochschule arbeiten.

Die Stadtspitäler werden nun in eine öffentlich-rechtliche Anstalt ausgelagert. Kommt man so aus der wirtschaftlichen Schieflage heraus?

Die rechtliche Ausgliederung aus der Verwaltung vereinfacht und beschleunigt verschiedene strategische und operative Prozesse. Die Spitäler werden so etwas von den politischen Interessen abgetrennt und hin zu betriebswirtschaftlichen Fragestellungen geführt. Doch wie gross die Autonomie tatsächlich ist, wird sich in der zu erstellenden Eignerstrategie zeigen.

Sie zweifeln, dass dieser Schritt weit genug geht?

In einer privatrechtlichen Aktiengesellschaft in öffentlichem Besitz, wie sie das Stimmvolk etwa im Fall des Kantonsspitals Winterthur abgelehnt hat, wären die Spitäler noch flexibler. Aber die Richtung stimmt. Daneben ist es wichtig, nun den Fokus auf die inhaltliche Strategie zu legen – also darauf, wie man im Wettbewerb unter den Akutspitälern bestehen kann.

Diese Frage wurde in der Vergangenheit vernachlässigt?

Man hat hier in den letzten Jahren wertvolle Zeit nicht genutzt – man hätte vermutlich offener sein und Experten beiziehen müssen. Eine Verwaltung ist es weniger gewohnt, Strategien zu entwickeln und umzusetzen. In einer privatrechtlichen Anstalt hingegen werden Strategien von oben getrieben und eingefordert. Die Stadt hat zu lange nichts getan – nun wird sie gejagt.

Welche strategischen Fragen stellen sich im Fall des Triemlispitals?

Da ist einmal die Frage der Grösse: Wurde das Spital nicht zu gross konzipiert? Jetzt ist es dazu verdonnert, seine Kapazität – namentlich das neue Bettenhaus – auszunutzen, und ist dazu gar nicht in der Lage. Ähnlich geht es seit der Einführung des neuen Spitalgesetzes und der Fallpauschale 2012 vielen Akutspitälern in der Schweiz. Der Wettbewerb hat sich stark akzentuiert. Das Triemli schreibt neben den bestehenden hohen Schulden noch operative Defizite, weil es den Wechsel zu wenig strategisch angegangen ist. Eigentlich müsste man sagen: Eure Strategie ist nicht aufgegangen, ihr müsst Konkurs anmelden. Aber da es zur Verwaltung gehört, ist dies nicht zuletzt aus politischen Gründen nicht möglich.

Wie gut ist das Triemli positioniert?

Das Triemli scheint mir als Spital beliebt. Es ist stadt- und volksnah. Eigentlich eine gute Ausgangslage. Es fragt sich aber, ob die breite Ausrichtung die adäquate Antwort auf den gut bestückten Platz Zürich ist. Einige Zweige auszulagern oder abzustossen, sind sicher gute Schritte. Das grösste Problem liegt aber in der zu hoch bemessenen Kapazität.

Welche Massnahmen sind auf der Organisationsebene zwingend?

Ein Spitalrat wäre sinnvoll. Es braucht ein Gremium aus Personen aus Unternehmensführung, Medizin, Ökonomie, und Rechtswissenschaft sowie allenfalls politischen Vertretern.

Die Zeit drängt. Wie lange dauert es, bis sich eine neue Strategie für die Stadtspitäler auszahlt?

Die Wettbewerbsstrategie sollte bis in einem Jahr gemacht sein. Bis man die grossen Veränderungen merkt und vielleicht wieder schwarze Zahlen schreibt, wird es mindestens fünf Jahre dauern.

Ist es möglich, aus der Schieflage herauszukommen?

Ja, wenn die Politik mitspielt. Aber das Volk muss die Veränderung akzeptieren.

Matthias Maurer

Der 47-jährige Gesundheitsökonom ist stellvertretender Leiter des Instituts für Gesundheits-ökonomie an der Zürcher Hochschule Winterthur.