Die Intellektuelle im Volkspelz

Die Intellektuelle im Volkspelz

Aus der NZZ vom 15.12.17

Susanne Brunner (svp.) will das Gewerbe von übertriebenen Vorschriften befreien und besser haushalten.Am meisten Sorgen bereiteten ihr jedoch die städtischen Finanzen.

«Das Gewerbe in der Stadt wird geplagt», sagt Susanne Brunner. Ihr Lieblingsbeispiel für die «Bevormundungs- und Verbotspolitik» der rot-grünen Stadtregierung: der Passantenstopper. Für eine solche Werbetafel müsse ein Metzger ein dreiseitiges Merkblatt berücksichtigen, erzählt die Präsidentin des Seefelder Gewerbeverbands auch an diesem Abend in Schwamendingen. Vor gut zwei Dutzend Mitgliedern der örtlichen SVP-Sektion sagt sie, was sie sonst noch stört; dass die Parkgebühren erhöht und der Autoverkehr in der Stadt insgesamt ausgebremst worden seien. Am meisten Sorgen bereiteten ihr jedoch die städtischen Finanzen: «Wir sollten nicht nur auf das Plus schauen», sagt sie, «sondern auch darauf, wie sehr wir in der Kreide stehen.»

Wirtschaftsliberal, finanzpolitisch restriktiv: Solch abstrakte Worte fallen nicht, wenn die bürgerliche Stadtratskandidatin über ihre politischen Positionen spricht. Lieber gibt sich Brunner bodenständig und volksnah. In Schwamendingen lobt sie ihre Kollegen dafür, dass sie sich an einem Freitagabend der Parteiarbeit widmen, erfreut sich am Caramel-Popcorn und am Jodelchörli, das ein spontanes Ständchen gibt.

Mit harten Bandagen
Eine typische SVP-Vertreterin also? Mitnichten. Bis 2010 politisierte die 45-Jährige noch für die CVP, deren Stadtpartei sie stellvertretend präsidierte und für die sie zwei Jahre im Kantonsrat sass. Ihr Lebenslauf wiederum liest sich wie derjenige einer Freisinnigen: Sie studierte Staatswissenschaften an der HSG, war für eine Bank und eine Versicherung tätig und leitet seit 2013 die Bundeshausgeschäfte des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse.

Dass Brunner nie für die FDP politisierte, dürfte ihrer Herkunft geschuldet sein. Aufgewachsen in einer siebenköpfigen, christlichdemokratisch geprägten Familie im Toggenburg, trat sie der Zürcher CVP bei, nachdem sie beruflich bedingt in die Stadt gezogen war. Die hiesigen Christlichdemokraten tickten jedoch weniger bürgerlich, als sie es aus der Ostschweiz kannte. Mit ihrem konservativen Kurs scherte sie im kantonalen Parlament immer häufiger aus. Dass sie gewerbefreundlich politisierte und sich etwa bei der Kinderzulage für den Mindestansatz aussprach, generell lieber sparen als den Sozialstaat ausbauen wollte, goutierte der soziale CVP-Flügel nicht. Ein Jahr vor Ende ihrer Amtsperiode wechselte Brunner zur SVP, mit der sie in der Kommission für Wirtschaft und Abgaben gute Kontakte gepflegt hatte.

Geradlinig und konsequent nennen ehemalige Parteikollegen in der CVP Brunners Wechsel und Art zu politisieren; eine Opportunistin sei sie nicht. Ihre Standpunkte vertrete sie hartnäckig oder, negativ ausgedrückt, verbissen. Seit sie der SVP beigetreten sei, kämpfe sie mit noch härteren Bandagen. Dabei schiesse sie auch einmal über das Ziel hinaus, etwa wenn sie auf politische Gegner ziele. Das sei wohl typisch für eine Konvertitin, die sich erst recht beweisen müsse.

Wenig Chancen
Eine Polterin ist Susanne Brunner jedoch nicht; gegen aussen kommuniziert sie nüchtern und reflektiert. In asyl- oder sozialpolitischen Fragen vertritt sie die Parteilinie, tritt dabei aber gemässigt und durchaus weltoffen auf. Eine Weile liebäugelte die Staatswissenschafterin gar mit einer aussenpolitischen oder diplomatischen Tätigkeit und war ab 2004 eineinhalb Jahre in Sarajevo für ein Uno-Programm in der Jugendarbeit tätig.

Als langjährige Lobbyistin in Bundesbern kennt sie die politischen Prozesse und ist gut vernetzt. In der SVP schätzt man sie als dossiersicher und engagierte «Krampferin», auch im Wahlkampf. Beinahe täglich verteilt sie auf der Strasse Flyer oder bespielt ihre Twitter- und Facebook-Kanäle. Und das, obwohl ihre Chancen, gewählt zu werden, gegen null tendieren: Seit 1990 hat es die SVP nicht mehr in den Zürcher Stadtrat geschafft. Dass sie mit Susanne Brunner kandidiert, ist indes taktisch geschickt: Die SVP stellt im bürgerlichen Ticket zum wiederholten Mal die einzige Frau, die zudem über die Parteigrenzen hinaus wählbar ist. Im Grunde die Idealvertreterin einer urbanen SVP.