Michael Baumer (FDP): Der leise Allianzenschmied

Michael Baumer (FDP): Der leise Allianzenschmied

Aus der Limmattalerzeitung vom 19.01.18

Michael Baumer (FDP) will seinen zurücktretenden Parteikollegen Andres Türler beerben. Er wünscht sich mehr Dynamik statt Perfektionismus im Zürcher Stadtrat.

Neben einem Klavier hängt in Michael Baumers Büro ein altes FDP-Wahlplakat mit einem brüllenden Löwen. Selber brüllt er aber nicht, der IT-Unternehmer, dessen Firma Software für Verbände anbietet. Und Klavier spielt er auch nicht. Das Instrument gehört in die Domäne seiner Frau, die Kulturmanagerin ist und mit ihm in einer Bürogemeinschaft arbeitet.

Durch sie habe er auch Einblicke in die pingeligen Anforderungen, die die Stadtverwaltung stelle, sagt Baumer. Etwa wenn seine Frau als Quartiervereinspräsidentin ein Fest organisiere. Da gebe es 20 Formulare und überall versteckte Kosten. «Die Regulierung und Kontrollmechanismen haben zugenommen», sagt der Stadtratskandidat, «das würgt jegliche Initiativen ab.»

Neues wagen
Während der heutige Stadtrat primär verwalte und perfektioniere, will Baumer «Zürich elektrisieren» – wie sein Wahlslogan lautet. «Die Zürcher sind aufgeschlossen und bereit für Neues», sagt der 43-Jährige. Er denkt dabei etwa an Seilbahnen: «Ich weiss nicht, ob das die richtige Verkehrslösung ist, aber es lohnt sich, das auszuprobieren.» Dafür will er im Richtplan die Grundlagen schaffen. Die Stadt bremse innovative private Player aus, wenn sie alles staatlich organisieren wolle, etwa bei einer Parkplatz-App oder den Veloverleihsystemen.

Er sei der richtige Typ dafür, mehr Dynamik in den Stadtrat zu bringen, sagt Baumer, der nach dem Informatikstudium an der ETH als Webdesigner zur FDP des Kreises 6 gestossen ist. «Als Unternehmer bin ich es gewohnt, anzupacken und Neues zu wagen.» So will er die Selbstzufriedenheit aufbrechen, die mit der 6 zu 3 Mehrheit von Links-Grün im Stadtrat herrsche. Daher ist Baumer auch im Top 5-Wahlbündnis zusammen mit den SVP- und CVP-Kandidaten sowie Parteikollege Filippo Leutenegger. Dass Leutenegger als Bisheriger und Stadtpräsidiumskandidat viel Aufmerksamkeit auf sich ziehe, störe ihn nicht.

Baumer schlägt leisere Töne an und lobt sich ungern selber. Eher zurückhaltend spricht er von seinen Erfolgen, wozu er vor allem Allianzen zählt, die er schmieden konnte. So etwa der geeinte Auftritt der Bürgerlichen als Top 5, den er als FDP-Parteipräsident von 2010 bis 2016 mitaufgegleist hat. 2014 hat die FDP zudem unter seiner Führung erstmals seit 20 Jahren wieder Wähleranteile zugelegt. Im Gemeinderat, dem er seit knapp 15 Jahren angehört, habe er sich auch auf der anderen Ratsseite Respekt verschafft: «Ich stehe zur eigenen Linie, bin aber auch kompromissbereit.» Als Beispiel nennt Baumer die Bau- und Zonenordnung, die er als Kommissionspräsident als breit abgestützten Kompromiss durchs Parlament brachte, ohne dass eine Volksabstimmung nötig wurde.

Nicht nach seinem Sinne läuft es bei der Hornbachsiedlung im Seefeld, wo die Stadt selber günstige Wohnungen bauen wird. Die Bürgerlichen hätten private Investoren vorgezogen. Der knappe Wohnraum in Zürich ist ein Thema, das Baumer am Herzen liegt. Er will mehr Wohnungen schaffen, indem der Ausbau oder die Aufstockung von Gebäuden an Hauptverkehrsachsen ermöglicht werden sollen.

Komplexes als Comic
Dieses Thema illustriert eines der Comics, die Baumer als Wahlflyer und in den sozialen Medien verbreitet. Der Comic-Baumer schüttelt Hände im Quartier, steuert eine Drohne und langt sich an den Kopf angesichts der Papierberge in der Verwaltung. Mit den Comics lasse sich Komplexes konkreter vermitteln, sagt Baumer. Dank ihnen sei sein Name auch einigen Zürchern bekannt gewesen, die er nun bei Standaktionen getroffen habe.

Der Wahlkampf läuft für Baumer gut. Das zeigt auch das NZZ-Wahlbarometer, wo er Platz 7 erreichte, noch vor den Bisherigen Richard Wolff (AL) und Claudia Nielsen (SP). Ganz bescheiden gibt Baumer aber zu bedenken, dass die Umfrage als Momentaufnahme mit Vorsicht zu geniessen sei. Viel lieber spricht er wieder über Sachpolitik. Denn sollten die Mehrheitsverhältnisse im Stadtrat bleiben, wie sie sind, müsse man als Minderheit inhaltlich die besseren Lösungen bieten.