Brunner: «Ein Parteiwechsel ist wie eine Scheidung»

Brunner: «Ein Parteiwechsel ist wie eine Scheidung»

Tagesanzeiger vom 5.2.2017

Stadtratskandidatin Susanne Brunner will Zürich schuldenfrei machen. Was die SVP-Politikerin über die Personenfreizügigkeit denkt, sagt sie nicht.

Eine Fahnenflucht und eine Niederlage – viel mehr ist im kollektiven Gedächtnis nicht hängen geblieben von Susanne Brunners erstem und bisher letztem politischem Einsatz. Das macht sie zur Mrs. X des Stadtratswahlkampfs.

Dabei hatte Brunners Politkarriere mit viel Schwung begonnen. 2008 rutschte sie für die CVP in den Kantonsrat nach. Der Partei war sie beigetreten, nachdem sie im Jahr 2000 von Wil nach Zürich gezogen war. In der Fraktion fiel Brunner früh durch rechts abweichende Meinungen auf, 2010 lief sie zur SVP über. Den CVP-Sitz zügelte sie gleich mit.

Brunner sagte, dass die CVP-Positionen nicht mehr mit ihrer Haltung übereinstimmten. Die Zürcher CVP habe sich von ihren bürgerlichen Wurzeln entfernt. Sie selber sei zu jung, um in der falschen Partei zu sein.

In der CVP ärgerte man sich, dass Brunner der Partei einen Sitz wegnahm. Diesen hatte sie von ihrem Vorgänger geerbt, der ein eher linkes Profil aufwies und viel mehr Stimmen als sie geholt hatte. «Fairerweise hätte sie als Kantonsrätin zurücktreten müssen», sagt Markus Arnold, der damals die kantonale Sektion präsidierte. Den Wechsel hätten hingegen die wenigsten bedauert. Politisch habe sie besser in die SVP gepasst, sagt Arnold. Das habe man früh gespürt.

Medien handelten die damals 38-Jährige als «zweite Natalie Rickli» und sagten ihr eine grosse politische Zukunft voraus. Sie irrten. Ein Jahr nach dem Übertritt endete Brunners politische Laufbahn wieder. 2011 verpasste sie die Wiederwahl in den Kantonsrat so knapp wie nur möglich. Zwar hatte sie in ihrem Wahlkreis den bisherigen SVP-Kantonsrat Theo Toggweiler geschlagen, doch ein anderer Newcomer, der heutige Nationalrat Hans-Ueli Vogt, schob sich vor sie, um eine Stimme. Eine Nachzählung verlangte Brunner keine.

Im Beruf gings steil nach oben

Seit der Niederlage ist Brunner weder für den Kantons- noch für den Gemeinderat angetreten. Sie schien sich aus der Politik verabschiedet zu haben. Doch nun folgt das Comeback. Brunner will hoch hinaus, direkt in den Stadtrat.

Im Berufsleben hat sich dieser Ehrgeiz ausbezahlt, dort ging es für Brunner trotz des Politpechs stetig bergauf.

Brunner ist in Wil aufgewachsen, zusammen mit vier Geschwistern. Die Mutter arbeitete als Lehrerin, der Vater als Bankdirektor, die Familie war verwurzelt im Ostschweizer CVP-Milieu. Standesgemäss studierte Brunner an der HSG in St. Gallen. Nach verschiedenen Wirtschaftsjobs in Zürich wechselte sie 2013 zur Economiesuisse, als Leiterin der Berner Niederlassung. Damit war sie zur wichtigsten Lobbyistin des mächtigsten Schweizer Wirtschaftsverbandes aufgestiegen. Ihr Job besteht darin, Parlamentariern die Meinung der Unternehmen schmackhaft zu machen. Zur Arbeit pendelt sie mit dem Zug.

«Kämpferisch» und «stur»

Man merkt Brunner an, dass sie Übung hat im Umgang mit Menschen. Ihr Auftreten wirkt geschliffen, von der klassischen Kleidung bis zur fein dosierten Freundlichkeit. Das Einzige, was heraussticht, ist ihr heller Ostschweizer Akzent. Anders als viele zugezogene Politiker (etwa Corine Mauch oder Filippo Leutenegger) hat sie den Klang ihrer Kindheit nicht eingezürchert.

Die Höflichkeit hingegen kann täuschen. In der Sache sei sie hartnäckig bis kompromisslos, berichten Bekannte. Sie ziehe ihr Ding durch, auch wenn die Chancen schlecht stünden, manchmal verbeisse sie sich richtiggehend. «Kämpferisch» könne man das nennen – oder «stur». Im persönlichen Umgang hingegen verhalte sich Brunner charmant und witzig, heisst es. Auf den Fotos ihres Twitterprofils zeigt sie sich gerne an Festen einer Studentenverbindung, lächelnd, mit Samtmutz auf dem Kopf, umgeben von verkleideten Männern.

Dank ihres Jobs kennt man Brunner in Bern besser als in der Zürcher Politikszene. Wenige Stadtpolitiker haben sie jemals persönlich getroffen. Diese Distanz werfen ihr Kritikerinnen denn auch vor. «Sie scheint in der Stadtpolitik nicht sonderlich gut Bescheid zu wissen», sagt Gabriela Rothenfluh, Co-Präsidentin der SP. Und: Brunner sei eine politische «Wundertüte».

Mauro Tuena, Präsident der städtischen SVP, hält mit Brunners Engagement im Gewerbeverein Seefeld dagegen. Diesen präsidiert sie seit 2013, ehrenamtlich. «So kennt sie die Sorgen des Gewerbes, etwa des Quartiermetzgers oder des Elektrikers.» Andreas Hon­egger, langjähriger Vizepräsident, lobt seine Chefin: Sie habe den Gewerbeverein geschickt und mit viel Durchsetzungsvermögen neu positioniert.

Die Nähe zum Gewerbe zeigt sich an Brunners Lieblingsbeispiel für die angeblich übertriebenen Vorschriften in der Stadt. Gerne erwähnt sie das «Merkblatt Passantenstopper», ein dreiseitiges Dokument, das die Grösse und die Position von Werbetafeln regelt.

Ihren politischen Schwerpunkt setzt Brunner bei einer freiheitlichen Wirtschaftspolitik und tiefen Steuern. Das passt zur «new SVP», der Brunner zugerechnet wird – jener losen Gruppe aus jüngeren, urbanen Akademikern wie Gregor Rutz, Hans-Ueli Vogt oder Roger Köppel, welche die frühere Bauernriege in der Partei langsam ablösen.

Sie lebte einst in Sarajevo

Ungewöhnlich für eine SVP-Politikerin wirkt Brunners einstiger Berufswunsch: Sie liebäugelte mit einer diplomatischen Karriere. Obwohl sie sich dagegen entschied, ging sie 2004 für eineinhalb Jahre in die bosnische Hauptstadt Sarajevo. Arbeitgeber war die UNO.

Der Auslandsaufenthalt hat Brunner aber nicht offener gemacht für Fremdes. Laut ihrem Smart-Spider-Profil verteidigt sie eine maximal harte Migrationspolitik. Auch sonst positioniert sie sich als ideologisch strenge SVPlerin. In gesellschaftlichen Fragen wie dem legalen Kiffen bewegt sie sich weit rechts vom städtisch-liberalen Mainstream.

Ein Sieg von Brunner bedeutete eine kleine Sensation. Die SVP bringt seit 25 Jahren niemanden mehr in den Stadtrat, sie scheiterte auch mit Kandidaten, die deutlich populärer waren als Brunner. Manche vermuten deshalb, Brunner wolle sich vor allem für die Nationalratswahlen 2019 einen Namen machen.

Eine Sache könnte ihr am 4. März gelingen: die Eroberung eines Sitzes im Gemeinderat. So fangen politische Karrieren normalerweise an in Zürich.