«Der Stadtrat braucht einen Stromschub»

«Der Stadtrat braucht einen Stromschub»

Tagesanzeiger vom 11.2.2017

Der Zürcher Stadtratskandidat Michael Baumer beschreibt seine politischen Pläne und erzählt einen Witz.

Was meinen Sie mit Ihrem Slogan «Zürich elektrisieren»?
Im jetzigen Stadtrat fehlt mir die Zürcher Dynamik. Die Stadt ist elektrisiert, ihre Regierung nicht. In den letzten Jahren haben gewaltige Entwicklungen stattgefunden, in Zürich-Nord oder Zürich-West, aber auch in der Unternehmenswelt. Ich habe den Eindruck, die Stadt ist bereit, etwas Neues auszuprobieren. Aber der Stadtrat perfektioniert nur, was er ohnehin macht. Er braucht einen Stromschub.

Und konkret?
Während wir mehr Wohnungen brauchen, bleibt unklar, wo gebaut werden soll. Also braucht es neue Ideen. Ein Anfang wäre, Dachgeschosse auszubauen. Doch die Linke hat dies verhindert. Oder nehmen wir die bürokratischen Prozesse. Gewisse stammen aus dem 19. Jahrhundert. Warum muss ich acht Exemplare eines Baugesuchs einschicken? Da gäbe es bessere, digitale Lösungen – vor allem in Hinsicht auf das grosse Wachstum der Stadt.

Sie haben als IT-Entwickler sicher eine Lösung in der Schublade?
Die Stadt ist mit ihrem Informatik-Kompetenzzentrum (OIZ) gut aufgestellt. Aber ich könnte meine Erfahrungen mit Strukturen und Prozessen einbringen. Hanebüchen finde ich auch andere Teile der Bürokratie, etwa die überpingeligen Kontrollen von Richard Wolffs Wirtschaftspolizei, die der «Tages-Anzeiger» kürzlich enthüllt hat. Apropos: Wissen Sie, wie Sie auf einer Restaurantterrasse schnell bedient werden?

Sagen Sie es mir.
Sie rücken Ihren Stuhl fünf Zentimeter über die Markierung. Dann kommt der Wirt panisch angerannt – und Sie können bestellen.

Auf Ihrer Website äussern Sie nur ein paar politische Allgemeinplätze. Wofür stehen Sie wirklich ein?
Ich stehe für einen liberalen Staat, der den Rahmen setzt, damit sich jeder entwickeln kann. Für einen Staat auch, der Neues anpackt. Zum Beispiel eine innerstädtische Seilbahn oder selbstfahrende Busse in den Aussenquartieren.

Was war ausschlaggebend für Ihren Sieg gegen Doris Fiala bei der Nominierung als FDP-Kandidat?
Sie hat ihre Vorteile, ich meine. Den Ausschlag gaben wohl meine grössere Verankerung in der Lokalpolitik und mein Alter. Wir treiben ja eine breite Verjüngung der Partei voran …

… mit einem 65-jährigen Stapi-Kandidaten. Man sagt, Sie und Filippo Leutenegger hätten das Heu nicht immer auf derselben Bühne.
Wir ergänzen uns bestens. Wir haben halt unterschiedliche Auftritte und vertreten verschiedene Generationen.

Wenn Sie König von Zürich wären, was würden Sie als Erstes machen?
(lacht) Die Monarchie abschaffen und sieben Stadträte einsetzen.

Natürlich sieben bürgerliche …
… sieben, die das Volk verdient.

Glauben Sie eigentlich wirklich an die bürgerliche Wende?
Ob es schon dieses Mal klappt, sehen wir am 4. März. Wichtig ist, dass die bürgerliche Zusammenarbeit gut funktioniert. Darauf lässt sich aufbauen.

Was war Ihr politischer Höhepunkt?
Der FDP-Wahlerfolg vor vier Jahren und das schlanke Durchkommen der BZO-Revision unter meiner Führung.

Und welches Ihr politischer ­Tiefpunkt? 
Der Verlust des Stadtratssitzes 2013.

Und der Fall Tognella? Einen Statthalter-Kandidaten kurzfristig zurückzuziehen, ist peinlich.
Das war unschön, ja. Versagt haben interne Prozesse, die wir inzwischen angepasst haben. Übrigens passiert solches Ungemach auch anderen Parteien …

… Sie meinen den SP-Fall Nielsen und den SVP-Fall Zuppiger. Wie ist Ihre Beziehung zur SVP?
Eine pragmatische. Wir haben einen Weg gefunden, wenigstens dort zusammenzuarbeiten, wo wir gleicher Meinung sind. Das betrifft vor allem Wirtschafts- und Finanzfragen.

Ist die «Koalition der Vernunft» – FDP/SP – nicht wiederzubeleben?
Die SP hat sich weit nach links bewegt, weil sie unter Druck der AL steht. Punktuell arbeiten wir aber auch mit der SP zusammen – etwa in gesellschaftspolitischen Fragen wie Tagesschulen.

Ein Vorwurf gegen Sie lautet, Sie seien schon heute verwaltungsnah.
Das kann ich nicht nachvollziehen. Ich bin zu 98 Prozent in der Privatwirtschaft unterwegs. Klar: Ich bin Realist und kenne mich in vielen Dossiers gut aus. Und Dossierkenntnis erschwert bekanntlich die freie Rede. Der Staat muss dort stark sein, wo es keine Alternative gibt. Andernorts soll er sich heraushalten.