Rechter Junior für linke Regierung

Rechter Junior für linke Regierung

Tagesanzeiger vom 11.2.2017

Michael Baumer ist ein logischer FDP-Stadtratskandidat. Auffällig an ihm ist, dass er stark mit seinem Parteikollegen Filippo Leutenegger kontrastiert.

Ein FDP-Kandidat für den Zürcher Stadtrat wird am Ende auch gewählt. Würde man meinen. Doch schon einige sind gescheitert, zuletzt Urs Egger im Jahr 2010 und Marco Camin 2013. Mit Egger verlor der Freisinn den dritten Stadtratssitz, mit Camin vorübergehend den für sicher gehaltenen zweiten. Das machte dessen Niederlage zur Blamage. Parteipräsident war damals Michael Baumer. Unter seiner Ägide wurde Carmen Walker Späh, die heutige Regierungsrätin, zur verschmähten Nominierten. Und Marco Camin, der Unbekannte, zum gescheiterten Kandidaten – und Frauenverhinderer. Nun hat auch Baumer selbst bei der Kandidatenkür Doris Fiala und damit eine prominente Frau aus­gestochen. Trotzdem haftet ihm nicht das Etikett des Ladykillers an. Warum? Baumer hat keine Feinde. Es ist aber auch der Dank des männerlastigen Freisinns an den Mann mit der Ochsentour. Eine ehrlich gemeinte Anerkennung für einen geradlinigen FDP-Karrieristen.

Dass die Partei nicht mit drei Kandidaten antritt, um wieder zur alten Grösse zu finden, erhöht den Druck auf Baumer. Wird er nicht gewählt, hat die städtische FDP ihr nächstes Waterloo. Und die vielbeschworene bürgerliche Wende ist auf den Sanktnimmerleinstag verschoben. Baumer hat aber gute Chancen, gerade nach dem Rückzug von Claudia Nielsen (SP). Er ist weder in der Partei noch in der Politik ein Leicht­gewicht. Ein Schwergewicht allerdings auch nicht. Zwei Jahre war er Fraktionschef, sechs Jahre Parteipräsident. Nie strahlend, aber stets solid. Brauchten Medien ein Statement, erhielten sie unkompliziert ein paar klare Sätze.

Als Andres Türler ankündigte, nicht mehr anzutreten, eierte Baumer nicht herum, sondern verkündete sofort sein Interesse. Der grosse Auftritt aber liegt dem ETH-Ingenieur nicht. Die Show entspricht nicht seinem Naturell. Er arbeitet lieber im Hintergrund, schmiedet ­Allianzen. Dabei kann er durchaus die Muskeln spielen lassen, ist zu hören. Ob aus eigenem Antrieb oder auf partei­internen Druck, bleibt offen.

Rutsch nach rechts

Als junger Vertreter seiner Partei konnte der neue FDP-Präsident Baumer 2010 ohne Vorbelastung auf die SVP zugehen, die damals eher ein bürgerlicher Nichtpartner war. Die Zusammenarbeit wurde wieder möglich. Der damalige SVP-Präsident Roger Liebi lobt: «Der Zugang war wieder da, es fand eine Annäherung statt.» Unter Baumer haben sich die Freisinnigen nach rechts bewegt. In den letzten Jahren haben sie als Regierungspartei die städtischen Budgets abgelehnt, beim gemeinnützigen Wohnbau etwa verschärften sie die Opposition.

Die Partei übernommen hatte Baumer auf dem Tiefpunkt. 2010 erreichte die FDP noch 14 Prozent der Wählerstimmen – nur 2,6 Prozent mehr als die Grünen und fast 5 Prozent weniger als die SVP. Das nagte am Selbstverständnis und erforderte Aufbauarbeit. Vier Jahre später sah es deutlich erträglicher aus. Die FDP gewann gut 2 Prozent hinzu, lag nur noch ein Prozent hinter der SVP und gewann mit Filippo Leutenegger den verlorenen zweiten Sitz im Stadtrat zurück. Beigetragen hat Baumer – aber auch der Trend. Die FDP hat ­wieder mehr Selbstvertrauen, erhebt Machtansprüche. Vergeigt hat Baumers FDP allerdings die Statthalterwahl. Als plötzlich eine Vorstrafe auftauchte, zog die Partei ihren Kandidaten Roger Tognella zurück, der zuvor den Support von SVP, GLP und CVP hatte und für einen offenen Kampf der Lager sorgen sollte. Wie bei der Camin-Pleite profitierte die Linke: Heute ist der Grüne Mathis Kläntschi Zürichs Statthalter. Das war 2015. Seither gabs keine grösseren FDP-Schnitzer. Mitstreiter wie Gegner attestieren Baumer, kaum Fehler zu machen.

Gespannt sind einige, wie sich bei einer Wahl Baumers (43) die Zusammenarbeit mit Parteikollege und Alphatier Leutenegger gestalten wird. Die beiden gelten nicht als Busenfreunde. Mit dem Rest des Stadtrats werde Baumer gut auskommen, prognostiziert maliziös AL-Urgestein Niggi Scherr: «Michael Baumer ist ja so etwas wie das rechte Spiegelbild von SP-Stadtrat André Odermatt.» Also nett, zurückhaltend, kompetent und interessiert am Hochbau. «Er ist die Idealbesetzung für den FDP-Quotensitz und wird unauffällig, aber solide seine Arbeit erledigen», so Scherr.

Kein Elektrisierer

Gabriela Rothenfluh bezeichnet Baumer, der sich im Wahlkampf als Comicfigur darstellen lässt, als «sehr anständigen Menschen, der sich ehrlich für die Stadt einsetzt». Als sie das Plakat mit dem Slogan «Zürich elektrisieren» sah, habe sie aber schmunzeln müssen, erzählt die SP Co-Präsidentin. «Elektrisieren passt nicht zu ihm.» Auch andere nehmen ihm die Rolle des ideologisierenden Wahlkämpfers nicht ganz ab. «Er ist ein umgänglicher und kompromissbereiter Sachpolitiker», findet AL-Gemeinderat Walter Angst. Er schätzt an Baumer, dass er «nicht detailversessen» und «nicht nachtragend» sei. Nur in der Budgetdebatte habe er über die Stränge geschlagen. Die jüngste Revision der Bau- und Zonenordnung (BZO) habe Baumer als Kommissionspräsident gut über die Bühne gebracht, heisst es verschiedentlich. Er habe die Sitzungen umsichtig geplant und die divergierenden Lager einbinden können. Kurz: Baumer sei kein Blender, aber auch keine prägende Figur.

Eine Anekdote illustriert, wie sehr das Parlament Baumer vertraut. Der Softwarespezialist bastelte in seiner Freizeit ein Intranet-Tool für seine Fraktion. Darauf wollten es die Grünen und Grünliberalen auch. Am Ende erhielten alle das Archiv-Werkzeug, nachdem die SP einen kleinen Kredit dafür im Gemeinderat durchgebracht hatte. Keiner befürchtet, dass Baumer als Toolent­wickler die Geheimpapiere der anderen Fraktionen ausspionieren könnte.

Den Stadtratsjob trauen Baumer alle zu. Vielleicht liegt es an den Genen. Baumers Grossvater mütterlicherseits war Stadtrat im deutschen Weinheim, politische Bildung erhielt er auch von seinem Vater, der als 21-jähriger Auslandschweizer aus der DDR in den Kanton Zürich gekommen ist. Vielleicht liegt es auch an der Empathie für die Stadtverwaltung, die Baumer zugeschrieben wird – eine Eigenschaft, die links als Lob durchgeht, rechts aber eher als Kritik zu verstehen ist.